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Geist – Herz – Tun. 900 Jahre Prämonstratenser

Propsteikirche St. Laurentius, Wedinghausen (Arnsberg)
Sonntag, 12. September 2021, 11 Uhr

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Der Titel dieses Vortrags geht auf einen spontanen Vorschlag von Hans Hermann Jansen  (Abtei  Marienmünster)  zurück.  Er greift  die  einzelnen  Themen  auf,  die  Max  Hundelshausen  aus  Medebach  seinen  Klangcollagen  in  dem  Zyklus  „Compassion“  gegeben hat, englisch: compassion, spanisch: compasión, zu deutsch: Mitgefühl, Mitleid.  Ja,  „Compassion“,  Mitgefühl  kann  den  Weg  weisen,  die  Prämonstratenser  und  ihren  Gründer, Norbert von Xanten, im Innersten zu verstehen. So beginne ich mit dem 

Prolog: Licht in dunkler Nacht 

Vor 900  Jahren wurde in Prémontré bei Laon im nördlichen Frankreich durch Norbert  und  seine  ersten  Gefährtinnen  und  Gefährten  der  Prämonstratenserorden  gegründet.  Der Gründungstag war das Weihnachtsfest des Jahres 1121. 

Leitbild des Ordens war die erneuerte urkirchliche Gemeinde, also bescheidenes Leben  in Gütergemeinschaft  nach  dem  Beispiel  der  Apostel,  und  verbunden  damit  eine Zuwendung  zur  armen  Landbevölkerung.  Dieses  Leitbild  entfaltete  in  der  damaligen  europäischen  Jugend große Anziehungskraft.  Innerhalb eines  Jahrhunderts entstanden  von Spanien bis Schweden, von Irland bis Ungarn fast 600 Klöster, die sich für den Weg Norberts  begeisterten.  Positiv  wollten  Prämonstratenser  und  Prämonstratenserinnen  Gesellschaft  und  Kirche  mitgestalten  – in  einer  Zeit,  die  von  jahrzehntelangem  Streit  zwischen Königen und Päpsten um die Ernennung der Bischöfe geprägt war. 

Norberts  Gründung  war  Teil  einer  Reformbewegung,  die  sich  auch  auf  den  vier  Laterankonzilien in Rom (in den Jahren 1123, 1139, 1179 und 1215) Gehör verschaffte  und  mit  jeweils  eigenen  Akzentsetzungen  in  weiteren  Ordensgründungen  wie  den  Kartäusern und den Zisterziensern zum Ausdruck kam. 

Durch Norberts Herkunft  vom Niederrhein  kam  sein  Orden  sehr  früh  nach Westfalen.  Nur  fünf  Monate  nach  der  Gründung  von  Prémontré  übergab  Graf  Gottfried  von  Cappenberg seine nördlich von Lünen gelegene Burg zur Umwandlung in das erste Stift  der  Prämonstratenser  in  Deutschland.  Elf  Jahre  später  kamen  aus  Cappenberg  zwölf  Männer  und  einige  Frauen  des  Ordens,  um  an  zwei  durch  den  Edelherrn  Rudolf  von  Steinfurt  gestifteten  Kapellen  das  Prämonstratenserkloster  Clarholz  mit  dem  kleinen  Frauenkonvent  in  Lette  zu  gründen.  Nach  weiteren  Jahrzehnten,  im  letzten  Drittel  desselben 12. Jahrhunderts, fasste die von Norbert ausgegangene Bewegung in Arnsberg  Fuß, in Wedinghausen, in Oelinghausen und in Rumbeck. 

Norbert  war  ein  nachgeborener  Sohn  der  hochadeligen  Familie  von  Gennep.  Gemäß  damals üblichem Brauch wurde er schon als Kind für den geistlichen Beruf bestimmt. So  kam  er  jung  in  das  Stift  St.  Viktor  in  Xanten.  Hier,  am  kirchlichen  Mittelpunkt  des  unteren  Niederrheins,  erhielt  er  eine  klassische  Bildung  und  wurde  Kanoniker.  Man lebte innerhalb der Stiftsimmunität, hielt das Chorgebet,  besaß privates Eigentum und  pflegte einen adligen Lebensstil. Beurlaubungen waren möglich. Norbert nutzte sie, um  den  Kölner  Erzbischof  zu  begleiten  und  am  Italienzug  König  Heinrichs  V.  zur  Kaiserkrönung  teilzunehmen.  Dabei  entstanden  Kontakte,  auf  die  er  später  zurückgreifen  konnte.  Er  bekam  aber  auch  die  Spannungen  zwischen  Königtum  und  Papsttum mit, was ein inneres Abrücken vom König auslöste. 

Im ersten Kapitel seiner Lebensgeschichte, seiner „Vita“, wird im Stil der Bekehrung des  Apostels Paulus geschildert, wie Norbert – damals schon um die 35 Jahre alt – auf einem  heimlichen Ritt nach Vreden, angetan mit feinen, seidenen Gewändern, in ein Unwetter  gerät, wie vom Blitz getroffen vom Pferd stürzt und eine mahnende Stimme hört: „Lass’  ab  vom  Bösen  und  tue  das  Gute!“  (Psalm  37,27).  Norbert  hatte  damals  noch  keine  höhere  Weihe  empfangen  und  hätte,  ebenso  wie  die  hochadeligen  Stiftsdamen  von  Vreden,  noch  heiraten  können,  wenn  es  ihren  Familien  aus  politischen  Gründen  opportun  erschienen  gewesen  wäre.  Da  wurde  er  vom  hohen  Ross  seiner  Selbstsicherheit heruntergerissen.  

Er  nahm  eine  Auszeit  bei  den  Benediktinern  in  Siegburg,  empfing  die  Priesterweihe,  kehrte  nach  Xanten  zurück,  merkte  aber,  dass  ihn  das  dortige  Stiftsleben  nicht  mehr  erfüllte.  So  suchte  er  Orientierung  bei  einem  Einsiedler  und  dann  in  der  Kommunität  von  Klosterrath  bei  Aachen, wo  alle  auf  Privateigentum  völlig  verzichteten, körperlich  arbeiteten  und  nächtliches  Stundengebet  hielten.  In  einem  längeren  Prozess  der  Bekehrung  – er  lebte  jetzt  an  einer  seiner  Familie gehörenden  Kapelle  auf  dem  Fürstenberg  2  km  südöstlich  des  Stiftes  Xanten  – lernte  er,  nicht  mehr  sich  selbst,  sondern  Gott  in  den  Mittelpunkt  zu  stellen  und  offen  zu  sein  für  die  Bedürfnisse  der  Menschen. Täglich feierte er die heilige Messe. Er kleidete sich wie Johannes der Täufer.  Seine Predigten fanden Gehör. Schließlich zog er als Prediger über Land, was Ärger beim  Klerus  erregte.  Auf  einer  Synode  musste  er  sich  rechtfertigen.  Er  galt  als  vagabundierender  Priester,  trage  ein  Mönchsgewand,  obwohl  er  doch  von  seinem  Vermögen lebe. 

Norbert  berief  sich  auf  seine  Bevollmächtigung  in  der  Priesterweihe  („Empfange  das Amt und sei Verkünder des Wortes Gottes!“) und auf die Aussendung der Apostel durch  Jesus. Er gab jetzt sein Kanonikat in Xanten ganz auf und schenkte seine Eigenkirche auf  dem  Fürstenberg  der  Abtei  Siegburg.  Dann  trat  er,  so  heißt  es  im  vierten  Kapitel  der  „Vita“, „im Namen Gottes die Pilgerreise an“.  

Es  ist  der  Spätherbst  des  Jahres  1118.  Barfuß  wandert  er  nach  Saint-Gilles  in  der  Camargue,  wo  er  Papst  Gelasius  II.  trifft.  Schriftlich  gestattet  ihm  dieser,  „frei  und  ungehindert  zu  predigen“.  „Durch  knietiefen  Schnee  und  schneidendes  Eis“  zieht  er  zurück  ins  nördliche  Frankreich.  „Wenn  nun“,  so  fährt  die  „Vita“  fort,  „das  Volk  in  Scharen  zu  ihm  strömte und  bei  der  Feier  der  Messe  sein  Mahnwort  hörte  über  die  Buße, die man tun muss, und über die Hoffnung auf das ewige Heil…, dann schöpften alle  Freude  aus  seiner  Gegenwart.  …  Staunen  erregte  seine  neue  Art  zu leben,  nämlich  auf  Erden zu leben und nichts von der Erde zu wollen“ (cap. 6). 

Nun zu den Themen der Klangcollagen von Max Hundelshausen. Die ersten beiden stelle  ich um und behandle zunächst das

Herz: Was uns zusammenhält 

Norbert  schlossen  sich in  diesem  Jahr  1119 erste einzelne Gefährten an.  Im  folgenden  Winter  kümmerte  sich  der  Bischof  von  Laon,  Bartholomäus  de  Joux,  ein  entfernter  Verwandter  seiner  Mutter,  um  ihn.  Er  bot  ihm  mehrere  Plätze  zur  Bleibe  an.  In  der  Osterwoche  des  Jahres  1120  fiel  die  Entscheidung  für  die  abseits  gelegene  Kapelle  in  Prémontré. Doch schon bald nahm Norbert seine Wanderpredigten wieder auf.  

Ihm und denen, die ihm folgten, ging es um ein Leben nach Art der Apostel. Ungehindert  von  Privatbesitz  wollten  sie  Christus  als  Jünger  nachfolgen,  „pauperes  Christi“,  Arme  Christi  werden.  Was  die  Apostelgeschichte  aus  den  Anfängen  des  Christentums  berichtet, wirkte in der feudalen Gesellschaft ihrer Zeit als starke Alternative: „Alle, die  gläubig  geworden  waren,  hielten  zusammen  und  hatten  alles  gemeinsam.  Tag  für  Tag  verharrten  sie  einmütig  im  Tempel,  brachen  in  ihren  Häusern  das  Brot  und  aßen  miteinander  in  Freude  und  Einfalt  des  Herzens“  (Apg  2,44.46),  „Die  Gemeinde  der  Gläubigen  war  ein  Herz  und  eine  Seele.  Keiner  nannte  etwas  von  seiner  Habe  sein  Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam“ (Apg 4,32). 

Im  folgenden  Jahr  begeisterte  Norbert  in  Köln  30  Männer  und  Frauen, Kleriker  und  Laien, für die „vita apostolica“, für ein Leben nach Art der Apostel. Er nahm sie mit nach  Prémontré  und  vereinte  sie  „mit  den  anderen,  die  er  schon  vorher  gehabt  hatte,  und  versorgte  sie  morgens  und  abends  mit  dem  Wort  des  Heils  und  ermahnte sie  mit  tröstlichen  Reden.“  Unter  den  Klerikern,  die  ihm  gefolgt  waren,  gehörten  viele  wie  er  selbst seit Kindheit dem Stand der Kanoniker an. So „gab er endlich den Befehl, die Regel  anzunehmen,  die  der  hl.  Augustinus  für  die  Seinen  bestimmt  hatte.  Das  apostolische  Leben nämlich, das er mit seiner Predigttätigkeit angenommen hatte, wünschte er jetzt  möglichst  genau  so  zu  leben,  wie  es  seines  Wissens  dieser  heilige  Mann  in  der  nachapostolischen  Zeit  geordnet  und  erneuert  hatte.  Unter  dieser  Regel  schrieben sie  sich am Weihnachtstag zu Prémontré alle einzeln und aus freien Stücken ein als Bürger  der Stadt seliger Beständigkeit“ (cap. 12). 

Die Regel des heiligen Augustinus ist die älteste Regel für christliche Gemeinschaften im  Abendland.  Im  Herbst  388,  dem Jahr  nach  seiner  Taufe,  kehrte  Augustinus  in  seine  afrikanische Heimat zurück. In Mailand hatte er das Leben christlicher Gemeinschaften  kennengelernt;  er  hatte  vor,  es  in  seiner  Heimat  einzubringen.  Auf  seinem  Erbsitz  in  Tagaste richtete er ein Kloster ein. Dieser Kommunität gab er eine kurze Regel. Ein paar  Jahre  später  ergänzte  er  sie,  nachdem  ihn  der  Bischof  von  Hippo  391  zum  Priester  geweiht  hatte.  Augustinus  wollte  das  gemeinschaftliche  Leben  auch  als  Priester  weiterführen.  Der  Bischof  schenkte  ihm  ein  Gartengrundstück  vor  der  Stadt,  das  der  Kirchengemeinde  gehörte.  Augustinus  ging  es  aber  nicht  um  ein  zurückgezogenes  klösterliches  Leben,  sondern  um  eine  ideale  Verwirklichung  christlichen  Lebens.  So  beginnt  denn  „seine“  Regel  mit  dem  Satz:  „Zu  allererst  sollt  ihr  einmütig  zusammenwohnen,  wie  ein  Herz  und  eine  Seele  auf  dem  Weg  zu  Gott.  Denn  war  das  nicht der entscheidende Grund, weshalb ihr euch zum gemeinsamen Leben entschlossen  habt?“ Dann folgen die Bestimmungen über das gemeinsame Eigentum, über das Beten  zu  den  festgesetzten  Stunden,  über  Ernährung  und  Fasten  usw. Diese  Regel  verbindet  gemeinsames  Gebet  und  Gottesdienst  mit  tätiger  Zuwendung  zu  den  Menschen  in  Predigt,  Unterricht,  Mission  und  Seelsorge.  Nach  dieser  Regel  leben  die  Prämonstratenser.

Die Lebensform der Prämonstratenser stellte die herkömmlichen sozialen Strukturen in  Frage. Norberts Orden war eine Gleichstellungsbewegung. Wie in der Urkirche sollte es  bei  ihnen  keine  Standesschranken  geben.  Für  ein  Leben,  das  die  Standesschranken  überwand,  entschied sich  Gottfried  von  Cappenberg,  als  er  1122  seine  Burg  Norbert  übergab,  damit  sie  zum  Kloster  wurde.  Er  trank  mit  seinen  ehemaligen  Hörigen  aus  demselben  Becher  und  verrichtete  niedrigste  Arbeiten  wie  das  Reinigen  des  Aborts.  Später diente er in Ilbenstadt den Armen und Kranken. In ihnen sah er Christus leiden,  stellte  sich  in  ihren  Dienst,  wusch  ihnen  die  Füße  und  wurde  selbst  krank.  Mehrfach  macht die „Vita Godefridi“ deutlich, er habe sich danach gesehnt, durch einen demütigen,  sich  selbst  gegenüber  schonungslosen  Lebenswandel  ins  Paradies  zu  gelangen.  Schon  am 13. Januar 1127 ist Gottfried im 30. Lebensjahr in Ilbenstadt verstorben. 

Alle frühen Stifte der Prämonstratenser sind als Doppelklöster gegründet worden. Beide  Konvente, jener der Männer und jener der Frauen, lebten in völliger Gütergemeinschaft  unter der Leitung des Propstes. Vorsteherin des Frauenkonvents war eine  vom Propst  bestimmte  Priorin.  Die  Wirtschaftsführung  lag  bei  einem  Provisor.  In  der  frühesten  Redaktion  der  prämonstratensischen  Bräuche  („consuetudines“  von  1139) ist ein  Abschnitt über die Kanonissen enthalten, was zeigt, dass sie zur regulären Konzeption  eines  Stiftes  gehörten. Auch  die  Selbstbezeichnung  der  frühen  Häuser  der  Prämonstratenser als „ecclesia“, so etwa „Clarholtensis Ecclesia“, deutet an, dass sie ihre  Gemeinschaft  von  Männern  und  Frauen,  von  Klerikern  und  Laien  als  vollgültige  Ortskirche  ansahen. Noch in  späterer  Zeit,  als  die  Prämonstratenserinnen  Cappenberg  und  das  dortige  Niederkloster  verlassen hatten  und  im  Kloster  Oberndorf  bei  Wesel  ansässig geworden waren, heißt es in einer Urkunde: „Die Brüder von Cappenberg und  die  Schwestern  von Wesel  sind  eine  Gemeinschaft  in  Christus  („unum  sunt  in  Christo  collegium“). 

Geist: gelehrt und gesegnet 

Norbert  selbst  und  die  vielen  Geistlichen,  die  sich  ihm  anschlossen,  hatten  eine  gute,  manche eine hervorragende Ausbildung erhalten. Anders war das bei den Laien, die ihm  folgten. Nicht alle wollten als Laienbrüder in den Stiften leben. Manche, vor allem auch  Adelige,  sollten  zu  Chorherren  ausgebildet  werden.  Dazu  musste  ihnen  Lesen  und  zumindest  rudimentär  Latein  beigebracht  werden.  Nur mit  einigem  Aufwand  konnten  aus Ungebildeten Gebildete gemacht werden, so Graf Gottfried von Cappenberg und sein  Bruder Otto, die in Prémontré ausgebildet und zu Akolythen geweiht wurden. Auch viele  Schwestern  der  Prämonstratenser  lernten  lesen  und  schreiben.  Mädchen,  die  in  die  Gemeinschaften gegeben wurden, erhielten von ihnen Unterricht. 

In  den  Osten,  nach  Magdeburg,  folgten  Norbert  ab  1126  zahlreiche  hochgebildete  Geistliche. Einer von ihnen war Anselm, den Norbert 1129 zum Bischof von Havelberg  weihte. Nach Norberts Tod reiste Anselm 1136 im Auftrag Kaiser Lothars III. (reg. 1125- 1137) an den byzantinischen Hof nach Konstantinopel. Auf Bitten von Papst Eugen  III.  hat  er  1149,  also  im  Abstand  von  13  Jahren,  aus  dem  Gedächtnis  die  damaligen  ökumenischen Dialoge wiedergegeben. 

Grundlegendes Thema war die Frage nach Einheit und Verschiedenheit im Christentum.  Während es anderen Kopfzerbrechen bereitete, konnte Anselm positiv damit umgehen.  Ihm  war  bewusst:  „diversa,  sed  non  adversa“,  Unterschiede  sind  keine  Gegensätze. 

Anselm konnte die Einheit über die Unterschiedenheit hinweg erkennen. So lehrt er: Es  ist der eine heilige Geist, der in unterschiedlichen Menschen wirkt. Die Kirche ist nicht  unveränderlich,  sie  entwickelt  sich  in  der  Zeit.  Anselm  sah  eine  besondere  Leistung  seines  Förderers Norbert  darin,  auf  originelle Weise  das  Leitbild  der  „vita  apostolica“  empfohlen zu haben. 

Wie  die  monastischen  Orden  pflegten  auch  die  Prämonstratenser  das  Medium  der  Schrift. Ende des 13. Jahrhunderts wird in Wedinghausen  eine Schule erwähnt, die auch  Externen offen stand. Aus der Zeit um 1230 bzw. 1320 sind zwei Ritualbücher erhalten,  die  liturgische  Handlungen  bei  Prozessionen, Weihen  und  Einkleidungen  beschreiben.  Das  Glanzstück  des  Wedinghauser  Skriptoriums  ist  eine  zweibändige  Bibel,  die  der  Kanoniker Lodhewicus um 1220 schrieb und illuminierte. Im Spätmittelalter scheint es  in Wedinghausen auch eine Buchbinderei gegeben zu haben. 

Wie anziehend das Leben der Klostergemeinschaft in Cappenberg wirkte, zeigt sich an  der  Lebensgeschichte  eines  jungen  Mannes  aus  der  jüdischen  Gemeinde  in  Köln.  1106/07 geboren, war Juda ben David halewi der Sohn eines Paares, das die furchtbare  Verfolgung  überlebt  hatte,  zu  der  es  1096  durch  die  Predigten  Peters  von  Amiens  im  Zusammenhang  mit  dem  ersten  Kreuzzug  gekommen  war.  Aufgrund  einer  geschäftlichen  Beziehung  seiner  Eltern  zu  Egbert,  dem  vormaligen  Kölner Domdekan,  seit  1127  Bischof  von  Münster,  kam  Juda  an  dessen  Hof,  wo  er  20  Wochen  blieb.  „In  dieser Zeit verkündete der gute Oberhirt seiner Gewohnheit gemäß recht oft das Wort  Gottes.  Ich  aber,  von  jugendlicher  Neugierde  getrieben,  gesellte  mich  der  Schar  jener  Gläubigen  bei…  Dort  hörte  ich  einen  wahren  Schriftgelehrten  im  Reich  Gottes,  der  es  verstand, aus dem Schatze Neues und Altes hervorzuholen, das Neue durch das Alte tief  zu begründen und das Alte Testament zum Neuen in die rechte Beziehung zu bringen…  Solches  und Ähnliches  hörte ich  den Bischof  um  so  begieriger  und lieber  sprechen,  da  ich mich gut erinnerte, jene Dinge, die er aus dem Alten Testament  vortrug, oft in den  hebräischen Büchern gelesen zu haben.“ 

Auf einer Visitationsreise Egberts lernte  Juda Cappenberg kennen. Dass man dort ohne  Beachtung der Standesunterschiede auf gleicher Stufe miteinander lebte, beeindruckte  ihn. War hier nicht  Jesaja 11,6 erfüllt:  „Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther  liegt bei Böcklein“? Die jüdische Gemeinde in Köln bemerkte nach seiner Rückkehr Judas  innere  Veränderung.  Sie  stellte  ihn  vor  die  Alternative:  Heirat  oder  Synagogenausschluss.  Aber  nach  drei  Monaten  Ehefreuden  meldeten  sich  seine  religiösen  Wünsche  zurück.  Über  Worms  und  Mainz  reiste  er  zu  den Augustinerchorherren nach Ravengiersburg. Dort bereitete er sich auf die Taufe vor, die  ihm  dann  im  Kölner  Dom  gespendet  wurde;  dabei  nahm  er  den  Namen  Hermann  an,  vielleicht aus Dank gegenüber Erzbischof Hermann  von Hochstaden,  der  seinen Eltern  1096 das Leben gerettet hatte.     

„Hermannus  quondam  Judaeus“  ist  1129/30  in  Cappenberg  eingetreten,  legte  die  Profess  als  Prämonstratenser  ab,  lernte  in  fünf  Jahren  Latein  und  wurde  schließlich  1137/38 zum Priester geweiht. Das „Büchlein von seiner Bekehrung“  könnte er in den  Anfangsjahren  des  zweiten  Kreuzzuges  (1147/48)  verfasst  haben.  Seinen  Lesern  schildert  er  darin,  als  wie  wunderbar  von  Gott  geführt  er  seinen  Weg  erfahren  hat.  Freundlichkeit  und  Zuneigung  von  Christen  habe  ihn  zur  Kirche  geführt;  denn,  so 

versichert er, nicht alle Christen behandelten die Juden wie tote Hunde. 

Tun: Worte und Taten 

Anselm  von  Havelberg  hat  in  einem  apologetischen  Brief  die  Lebensform  der  Prämonstratenser  und  aller  Regularkanoniker  als  getreue  Nachfolge  der  Apostel  verteidigt  – gegen  den  damaligen  Abt  von  Huysburg,  der  eine  Höherwertigkeit  des  monastischen  Lebens  behauptete.  Jesus  selbst,  so  Anselm,  habe  aktives  und  kontemplatives Leben vereint; immer wieder zog er sich zu Gebet und Meditation in die  Einsamkeit zurück, im Alltag aber wirkte er als Lehrer für die Menschen und vollbrachte  Wunder zur Heilung der Kranken. 

Im  Titel  unserer  Ausstellung  klingen  diese  beiden  Komponenten  an:  Zeit  und  Welt  gestalten. Zeit steht für die kontemplative, Welt für die aktive Dimension. Zeit bedeutet  Heiligung des Tages durch das Stundengebet und die tägliche Eucharistiefeier, Heiligung  der  Woche  im  Rhythmus  des  biblischen  Schöpfungsberichtes,  Heiligung  des  Jahres  durch  Abbildung  der  Heilsgeschichte  von  der  Messias-Erwartung  Israels  über  die  Inkarnation  des  Gottessohnes,  seine  Passion  und  Erhöhung  bis  zur  Wiederkunft  und  Vollendung. 

Welt  steht  für  die  aktive  Dimension.  Tatsächlich  haben  die  Prämonstratenser  die  Umwelt  ihrer  Lebensorte  gestaltet.  Zu  jedem  Stift  gehörten  Laienbrüder,  Konversen.  Ohne  sie  hätte  sich  die  Wirtschaft niemals  so  erfolgreich  entwickeln  können.  Die  Statuten des Ordens von 1140 und 1153 bestimmten, dass auf Einkünfte aus Zöllen und  Steuern,  auf  Abgaben  Dritter,  auf  Unfreie  und  auf  Einnahmen  aus  der  Seelsorge  zu  verzichten sei. In den Mittelpunkt der Klosterwirtschaft rückte die Eigenerzeugung. Sie  war auf  die  Erzielung  von Überschüssen ausgerichtet,  die am Markt abgesetzt werden  konnten.  Diesem  Zweck  dienten  einerseits  der  Ausbau  von  Wirtschaftshöfen,  die  mit  neuen,  rationellen  Methoden  arbeiteten  und  hohe Ertragssteigerungen    ergaben,  und  andererseits die Anlage von Stadthöfen, wo sich die Klosterprodukte absetzen ließen. 

Die  Konversen  leisteten  alle  landwirtschaftlichen  und  handwerklichen  Arbeiten.  Weitgehend  ihre  Leistung  war  der  Aufbau  der  Stifts- und  Klosteranlagen  mit  den  Kirchen,  Kreuzgängen,  Klausurbauten,  Werkstätten,  Schulen  und  Spitälern  und  im  Außenbereich Höfen und Mühlen, Äckern, Forsten und Teichen. 

In Oelinghausen lassen  sich  vier Wirtschaftszweige  unterscheiden:  Landwirtschaft mit  Ackerbau (Getreide), Viehzucht (Milch und Fleisch) und Gartenbau (Gemüse und Obst),  Wasserwirtschaft  mit  Fischerei  in  Fließgewässern  und  Fischzucht  in  Teichen,  Forstwirtschaft  mit  Holzeinschlag  als  Heizquelle  und  Köhlerei  mit Holzkohle  als  Energieträger  für  höherhitzige  Produktions- und  Verarbeitungsschritte  in  der  Eisen 

und Metallverhüttung sowie der Glaserzeugung; schließlich die Montanwirtschaft über  und unter Tage mit Steinbrüchen zur Bruchsteingewinnung, Tagebau auf Metallen und  Bergbau in Grubenanlagen. Eine Aschenhütte diente zur Herstellung von Pottasche, die  als  Reinigungs- und  Waschmittel  für  den  Klosterhaushalt  unentbehrlich  war.  In  der  Ziegelei  wurden  Ziegelsteine,  Dachziegel    oder  auch  Tongefäße  für  den  täglichen  Gebrauch gefertigt. 

In  Clarholz  lässt  sich  durch  den  Vergleich  der  Bullen  Papst  Eugens  III.  von  1146  und  Papst Gregors IX. von 1231 eine Vermehrung der Wirtschaftshöfe des Klosters („curtes“,  „curiae“,  Grangien)  von  zwei  auf  sechs  feststellen.  Zwei  waren  vom  Stifter  Rudolf  von Steinfurt geschenkt worden, der Osthof und der Westhof. Vier kamen im Laufe des 12.  Jahrhunderts hinzu: der neue Hof (Niehof), der Hof in der Horst, der Hof Tideking und  der  Hof  Vissing.  Alle  sind  einander  benachbart  und  liegen  in  der  Nähe  des  Axtbachs.  Tideking und Vissing weisen mit ihren Namen auf Teichwirtschaft und Fischerei hin. Der  Ausbau dieser sechs Wirtschaftshöfe erfolgte wohl in der langen Amtszeit des Propstes  Ermward, der namentlich erstmals 1146 und letztmals 1184 erscheint; 1188 heißt es, er  sei  verstorben.  Bei  seiner  Wahl  dürfte  er  sehr  jung  gewesen  sein.  Diese  Kultivierungsleistung  und  die  dadurch  erzielten  Einkünfte  ermöglichten  den  Bau  der  1175  geweihten  Stiftskirche  und  in  den  folgenden  Jahrzehnten  auch  den  Bau  neuer  romanischer  Kirchen in  Lette  und  Beelen.  So  wurde  aus  „Cleholta“,  Holz  auf  Klei  (vgl.  englisch:  clay,  Lehm),  wie  der  Ort  um  1088  in  der  älteren  Heberolle  des  Kanonissenstiftes Herzebrock genannt wird, ein  „clarus ortus“, ein leuchtender Garten.   Diese  symbolische  Bezeichnung  für  Clarholz  steht  in  einem  Katalog  aller  Prämonstratenserklöster, der um 1270 im Skriptorium der Abtei Schäftlarn an der Isar  aufgezeichnet wurde. 

Epilog – Nachklang 

Norbert war ein Suchender. Deshalb gab es Brüche in seinem Leben. Seine gut dotierte Stelle  in  Xanten  gab  er  auf,  weil  er  auf  seine  und  seiner  Zeitgenossen  religiösen  Sehnsüchte achtete. Als Wanderprediger begab er sich unter das einfache Volk und ließ  sich dabei von der Aussendung der Apostel durch Jesus leiten. In der Vita A, cap. 6, heißt  es:  „Wenn  nun  das Volk in Scharen zu ihm  strömte  und  bei  der  Feier  der Messe  seine  Mahnworte hörte…, dann schöpften alle Freude aus seiner Gegenwart… Staunen erregte  seine neue Art zu leben, nämlich auf Erden zu leben und nichts von der Erde zu wollen.“ 

Er  fand Gefährten, mit  denen er  1121  Prémontré als erneuerte  urkirchliche Gemeinde  gründete. Dabei war ihm  die Notwendigkeit  von Regeln  bewusst.  Er wählte  die  kurze,  anpassungsfähige  Regel  Augustins,  verzichtete  aber  auf  die  Fixierung  von  Gewohnheiten. Seinen Biographen zufolge verlangte er Eintracht und Einheit, aber keine  Einförmigkeit.  Er  sah  kein  Problem  darin,  dass  man  in  Prémontré  ungebleichte  Wollkleidung,  in  Magdeburg  aber  dunkel  gefärbte  Gewänder  trug.  Verkündigung  des  Evangeliums  und  gemeinsames  Gebet  sind  der  Kern  seiner  Spiritualität.  Im  Zentrum  steht  die  Eucharistie,  das  „Brotbrechen“  nach  dem  Beispiel  der  Christen  des  Anfangs.  Weil  er  die  gesamte  Kirche  für  eine  Nachahmung  der  Lebensweise  der  Urkirche  gewinnen wollte, nahm er 1126 das hohe Amt des Metropoliten von Magdeburg an, das  er noch acht Jahre ausübte. 

Norberts  Beispiel  ist  heute,  nach  900  Jahren,  von  brennender  Aktualität.  Papst  Franziskus hat die pastorale Situation der Gegenwart, anknüpfend an das Gleichnis vom  verlorenen  Schaf  (Lk  15,4-7),  so  beschrieben:  Heute  lässt  der  gute  Hirt  nicht  die  99  Schafe auf der Weide weitergrasen und sucht das eine verlorene, sondern heute muss er  das  eine,  übrig  gebliebene  Schaf  verlassen  und  sich  aufmachen,  die  99  verlorenen  zu  suchen.  Die  meisten  von  denen,  die  das  Vertrauen  in  die  Kirche  verloren  haben,  sind  nicht  zu  Atheisten  geworden,  sondern  zu  Suchenden.  Wahrscheinlich  stellen  sie  den  größten  Teil  der  heutigen  Katholikinnen  und  Katholiken  in  Mitteleuropa  dar.  Die  Zukunft  des  Christentums  liegt  in  unserer  Fähigkeit  als  Kirche,  mit  ihnen  zu  kommunizieren.  Es  geht  nicht  darum,  sie  in  die  vorhandenen  Strukturen,  in  den Schafstall  zurückzudrängen,  sondern  den  Raum  der  Kirche  zu  öffnen  für  ihre  Erfahrungen als Suchende. 

Von Norbert  heißt es:  „Staunen erregte  seine neue Art zu leben, nämlich auf Erden zu  leben  und  nichts  von  der  Erde  zu  wollen.“ Für  viele  jüngere  Zeitgenossen  hängt  das  eigene  Wohlbefinden  nicht  mehr  am  Besitz  von  Gütern,  sondern  an  ihrem  Gebrauch.  Man  kann  einen  Werkzeugkasten,  ein  Auto  oder  ein  Ferienhaus  mit  mehreren  zusammen  benutzen,  teilen.  Durch  „sharing  economy“  können  neue  Formen  von  Gemeinschaft entstehen. 

Verzicht auf persönlichen Besitz und Leben in Gemeinschaft entsprechen dem Charisma  der  Orden.  Immer  wieder  gaben  Klöster  in  der  Vergangenheit  Impulse  für  gesellschaftliche  Veränderungen.  Die  Grundanliegen  des  heute  anstehenden  sozial ökologischen Wandels  sind  christlich.  Es  geht  dabei,  theologisch  gesagt,  um  „Leben in  Fülle“.  Der  ungebändigte  Ressourcenverbrauch  für  Konsum  und  Reisen  und  der  Verschwendungswahn im Sport haben keine Zukunft. 

Papst Franziskus führt keinen Kampf gegen die Moderne wie manche Bischöfe in Polen  und  andern  Orten.  Vielmehr  hebt  er  die  Kernthemen  des  Evangeliums  hervor:  die  Barmherzigkeit  Gottes, Jesu  Solidarität  mit  den  Armen,  unsere  Verantwortung  für  die  Umwelt, Entgegenkommen im Dialog mit anderen Kulturen und Religionen, Verständnis  für Menschen in moralisch komplizierten Situationen. 

Wenn  wir  uns  bemühen,  die  Fragen  zu  verstehen,  die  sich  die  Leute  um  uns  herum  stellen,  wenn  wir  den  Glauben  als  einen Weg  des  Suchens  präsentieren  und  den  Mut  aufbringen,  uns  mit  den  offenen  Fragen  des  Lebens  Gottes  Geheimnis  anzuvertrauen,  dann  hat  das  Christentum  eine  Zukunft.  Die  Prämonstratenser  in  Deutschland  gehen  diesen Weg. 

Alle fünf heutigen Klöster der Prämonstratenser in unserem Land sind an der Seelsorge  in  den  sie  umgebenden  Pfarreien  beteiligt.  Einzelne ihrer  Mitglieder  haben  Dienste in  der kategorialen Pastoral übernommen: in Schulen, in der Polizei- und Militärseelsorge,  in der Wissenschaft, in der Kirchenmusik, in der Ökumene. Mit der Abtei Windberg ist  eine  Jugendbildungsstätte  verbunden,  mit  dem  Kloster  Roggenburg  ein  Zentrum  für  Familie,  Umwelt  und  Kultur,  mit  Speinshart  in  der  Oberpfalz  eine  internationale  Begegnungsstätte.  Und  in  Magdeburg  entstehen  die  Ökumenischen  Höfe:  zwei  evangelische  Gemeinden,  eine  katholische  Pfarrei,  die  beiden  konfessionellen  Studentengemeinden  und  die  St.  Norbert-Stiftung  werden  dort  in  nachbarschaftlicher  Verbundenheit  mit  dem  Priorat  der  Prämonstratenser  Wege  christlichen  Lebens  gestalten. 

Thomas  Handgrätinger,  von  2003  bis  2018  Generalabt  des  Ordens  in  Rom,  zuvor  Abt  von  Windberg,  wo  er  heute  als  Emeritus  wieder  lebt,  beschreibt  das  Profil  der  Prämonstratenser so:  „In einer Zeit der Vereinzelung und  Individualisierung leben wir  in Gemeinschaft.  In einer Zeit der  rasenden Veränderungen und Mobilität betonen wir  die  „stabilitas  in  loco“  und  die  Ausprägung  einer  ‚Kirche  vor  Ort’.  In  einer  Zeit  der  Verunsicherung  und der  postmodernen  Beliebigkeit  stehen  wir  auf  dem  Boden  der  urchristlichen  Gemeinde,  wo  noch  Glaubensgemeinschaft  gelebt  und  die  Lebensgemeinschaft  geglaubt  wird.  In  einer  Zeit  der  ‚neuen  Unübersichtlichkeiten’  orientieren wir uns am Ideal der ersten Christen.“


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